Im Anfang war das Unwort: Lutherdekade?!

Von Katja Albrecht, erschienen in efi04/2011

Wieso sollte sich gerade eine protestantische Kirche mittels eines Namens aus der Kirchengeschichte – wenn diese auch eine Person von epochaler Bedeutung sein mag – selber in Erinnerung rufen? Ist die Gesamtbewegung, die vor 500 Jahren ihren Anfang nahm, zu erfassen, wenn wir uns auf diesen einen Namen konzentrieren?


Ein jedes Un-Wort ist geeignet abzulenken und zu provozieren. Aus der Provokation kann aber auch Energie und Bewegung nach vorne entstehen.

Ein Jahrzehnt lang auf den 500. Jahrestag des Beginns der Reformation zugehen, das ist durchaus sinnvoll. Dann aber diese Dekade nur unter dem einen Namen zu vermarkten, ist zu kurz gegriffen. Vieles gerät dabei aus dem Blick – nicht zuletzt die kritische Reflexion der Wirkungsgeschichte der Reformation. Die immer auch eine Mitwirkungsgeschichte von und für Frauen und Männern war.

Impulse zur Chancengerechtigkeit
In Bewegung bleiben – darauf kommt es an. Gerade bei Jahrestagen und „Jahresdekaden“. Und bei solchen, die Ereignisse vor 500 Jahren in Erinnerung rufen, erst recht. In Bewegung bleiben – denn noch sind viele offene Fragen da, in unserer Kirche und in der Gesellschaft um uns herum. Es ist die besondere Situation in den Kirchen, dass wir einerseits auf eine lange, Jahrtausende alte Tradition zurückblicken. Aber dass wir dies mit biblischen und theologischen Impulse für Gegenwart und Zukunft verbinden. Mit dem Un-Wort begann es also: Die Arbeitsgemeinschaft der Frauenreferate und Gleichstellungsstellen in den Gliedkirchen der EKD nimmt die Reformationsdekade zum Anlass, zu den bekannt gegebenen Schwerpunktthemen (vgl. archiv.luther2017.de/dateien/2017_Themenflyer_RZ_website.pdf) Impulse aus der Perspektive der Chancengerechtigkeit zu geben.

Rück- und Vorschau
Diese liegen nun – im handlichen DIN A5-Format, herausgegeben vom Kirchenamt der EKD – vor. Sie bieten historische und zeitgenössische Zitate, die die jeweiligen Jahresthemen zuspitzen helfen. Es schließt sich ein kurzer erläuternder Text an. Das Ganze läuft dann auf zentrale Fragestellungen und Herausforderungen hinaus, die sich Menschen in der Kirche, an der je eigenen Positionen stellen und gemeinsam bearbeiten können. „…in Bewegung bleiben…: Impulse zur Lutherdekade aus der Perspektive der Chancengleichheit.“ Die Broschüre kann über das Büro für Chancengleichheit kostenlos bestellt werden.

Was in Bewegung bleiben lässt
Wenn im nächsten Jahr die Kirchenmusik in das Zentrum der Dekade rückt, wird das spürbar werden. Aus dieser reichen Tradition heraus muss es doch auch bedenklich stimmen, wie wenig das Singen noch praktiziert wird. Und vor allem: Wie wenig Interesse Jungen und junge Männer daran haben. Hier hilft es sehr mittels der Perspektive der Geschlechtergerechtigkeit, ein neues Nachdenken über die Musiktradition zu beginnen: Warum sind nur die komponierenden Männer, die herausragenden Genies vor Augen und nicht die vielen kreativen Schwestern? Und wie kann es gelingen, das Evangelium heute in Töne zu fassen, die auch die erreichen, die nicht von Hochkultur ansprechbar sind? Und noch etwas tiefer geschaut: Wo gelingt es uns zu erleben und zu begeistern – für Spaß am Singen, aber auch für die heilsamen Seiten dieser ganzheitlichen Tätigkeit?

In Bewegung bleiben – nicht als Selbstbestätigung und –beschäftigung – sondern in dem wir unseren Auftrag als Christenmenschen ernst nehmen, Gottes Wirken in der Welt zu begleiten und zu befördern.

Die Fragen bleiben bei der Lektüre der Impulse am deutlichsten haften. Sie sind es, die Frauen und Männer in Bewegung bleiben lassen. Fragen danach, wie geworden ist, was wir heute als Kirchen und Theologie vorfinden. Fragen danach, wie es weitergehen kann: Lassen Sie sich mit den freiheitlichen Impulsen anregen zum Weiterdenken!

Pfarrerin Katja Albrecht, Halle, ist persönliche Referentin des Propstes Wittenberg und war bis 31. Mai 2011 Gleichstellungsbeauftragte in der Ev. Luth. Landeskirche Mitteldeutschlands

siehe dazu auch:  http://www.epv.de/efi/efi.php?aktion=start

Frauen der Reformation
Da die Beschlüsse der EKD-Synode von Bad Krozingen 1989 zur Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche und von Bremen 2008 zu Frauen in der Reformation bisher in der Lutherdekade nicht zur Geltung kommen, hat der Konvent evangelischer Theologinnen in der Bundesrepublik Deutschland bei der EKD einen Forschungsauftrag angefordert:

„Geschichte der Frauen in der öffentlichen Verkündigung seit der Reformationszeit bis zur Durchsetzung der Ordination von Frauen als Paradigma reformatorischen Selbstverständnisses“.

Das Büro für Chancengleichheit wird in jedem Dekadejahr verschiedene Frauenportraits vorstellen, um zu verdeutlichen, dass die reformatorischen Gedanken und Prozesse nur in der Gemeinschaft von Frauen und Männern umsetzbar und glaubwürdig waren und sind.

(Quelle: efi – evangelische fraueninformation für bayern,  4-2011 „Im Anfang war das Wort …“, Seite 6)


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