Kann man eine Dekade Lutherdekade nennen?

Versuch einer Profilierung.

Historische Ereignisse von weltgeschichtlicher Bedeutung haben zumeist viele Wurzeln. Historische Ereignisse sind zugleich in ihrer Deutung und Bedeutung immer auch in der Forschung umstritten. Und historische Ereignisse werden häufig durch einzelne Personen nachhaltig beeinflusst, die Veränderungen, die schon in der Luft liegen, zum Durchbruch verhelfen und die doch als Personen in ihrer Tragweite gleichzeitig auch umstritten sind.

Die Reformation ist so ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung. Die Entwicklungen, die sie anstieß und die sie hervorbrachte, hatten Wirkungen, die weite Kreise zogen und sie beeinflussten: Politik, Theologie, Sprache, Kultur, Alltagsleben und mehr.

Die Reformation ist ein Ereignis, das in seiner historischen Bedeutung in vielen Details umstritten ist, Einflüsse und Prägungen, Kontinuitäten und Brüche werden unterschiedlich gewichtet.

Und die Reformation hatte in Martin Luther eine herausragende historische Persönlichkeit, die bis heute zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Geschichte und Theologie gehört, die immer noch die meisten Menschen  kennen und die auch Namensgeber der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern ist.

Deswegen ist es legitim, wenn in Vorbereitung des Reformationsjubiläums von der Evangelischen Kirche in Deutschland eine „Lutherdekade“ ausgerufen wurde. Es bedarf, wenn man überhaupt das Begehen historischer Jubiläen für sinnvoll erachtet, Persönlichkeiten, die ihr Gesicht hergeben. Für viele Menschen bildet die markante Physiognomie Martin Luthers, wie sie als Wort-Bildmarke bis 2017 vielfach aufscheint, ein Wiedererkennungssymbol. In der ZDF-Reihe „Unsere Besten“ wurde der Reformator immerhin noch vor wenigen Jahren vom Publikum auf Platz zwei gewählt und er schafft es auch nach 500 Jahren noch auf Titelblätter von Illustrierten und Zeitungen. Er gehört zu den großen deutschen Persönlichkeiten, die allgemein bekannt sind. Zurecht, denn er ist wirklich ein großer Theologe, ein Kirchenvater im besten Sinn, der, wenn man ihm etwas tiefer in seinen theologischen Gedankengängen folgt, auch heute noch den Menschen die Botschaft von der guten Botschaft Jesu Christi (vom Evangelium), von der Rechtfertigung und der Gnade Gottes befreiend vermitteln kann.

Würde man das Reformationsjubiläum 2017 nicht deutlich mit dieser Persönlichkeit verknüpfen, wäre die Außenwirkung und auch die Wahrnehmung deutlich geringer. Martin Luther ist das historische Gesicht der Reformation und das darf man auch benennen, herausheben und feierlich bedenken. Er ist die Schlüsselfigur  in einer politischen, theologischen und gesellschaftlichen Gesamtlage, die die Reformation, die in ihrer Tragweite ja keineswegs von ihm beabsichtigt war, hervorbringen konnte. Deswegen kann man die Bezeichnung Lutherdekade gut nachvollziehen und Martin Luther in den Mittelpunkt stellen.

Das heißt aber nicht, dass man nur auf Luther schauen soll, denn in der Tat: Es gab viele bedeutende Reformatoren und andere Persönlichkeiten neben ihm. Das heißt auf keinen Fall, dass man ihn wieder zum Heiligen oder zum Nationalhelden (wie es immer wieder unsäglich in der Vergangenheit bei den Reformationsjubiläen geschehen ist) hochstilisieren soll. Das heißt auch nicht, dass man Luther unkritisch vermarkten und ausschlachten sollte.

Der Name Lutherdekade muss auch auffordern und reizen über seine Schattenseiten und die negativen Ereignisse und Folgen ausführlich zu sprechen und sich an dieser Person zu reiben.

Das muss in ökumenischer Offenheit sachlich bleiben und zu einer Diskussion führen, die nicht nur an der Oberfläche bleibt. Denn für Martin Luther waren die Auslösepunkte seines Wirkens existentielle Fragen. Und diese existentiellen Fragen interessieren die Menschen bis heute und sind relevant.

Ja, man soll bis 2017 über die Reformation reden, diskutieren und streiten. Die Themenjahre beziehen sich ja immer auf „Reformation und…“. Man soll diskutieren, ob die Reformation das Ende des Mittelalters war, wo ihre Wurzeln liegen, ob sie theologisch den Menschen heute noch etwas zu sagen hat, wie sie in der Ökumene gesehen werden kann und welche Impulse für die ganze Christenheit bis heute von ihr ausgegangen sind.

Aber für den Anstoß zu diesem Gespräch ist aber ein bekanntes Gesicht und eine Personifikation auf jeden Fall nützlich: Martin Luther – und deswegen hat die Bezeichnung Lutherdekade sehr wohl ihre Berechtigung!Allein schon der Streit um die markante Bezeichnung Lutherdekade (der natürlich völlig legitim ist) hat bis jetzt viele interessante Aspekte hervorgebracht und regt mehr zum Nachdenken an als wenn man die offenere und  weitere Bezeichnung Reformationsdekade gewählt hätte, bei der die Reibungsflächen zweifelsohne geringer wären.

Pfarrer Christian Düfel
Koordinator Lutherdekade/Reformationsjubilläum 2017
Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern 


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