Liederschatz-Bayern: „2 + 22“ Lieder als Grundstock

Frage: „Welchen 20 Liedern sollten Kinder und Jugendliche im Verlauf ihres Erwachsenwerdens möglichst wiederholt begegnen, damit eine Traditionsbildung im Liedgut möglich wird?“

Jedem leuchtet ein: Ein Lied, das nur in einzelnen Phasen kirchlicher Sozialisation ein paarmal gesungen wird, kann auf diese Weise kaum je zu einem verlässlichen Lebensbegleiter durch Freud und Leid werden. Ein Lied dagegen, das in der Biographie wie ein „roter Faden“ an bestimmten Punkten immer wieder mal begegnet und aufleuchtet, kann viel leichter zu einer Tragfläche und Sprachebene des eigenen Glaubens werden.

Wie kann man also beim Singen dem scheinbar ungebremst forschreitenden Traditionsabbruch Einhalten gebieten? Zur Beantwortung dieser Frage hat die Landessynode anlässlich des Themenjahres 2012 „Reformation und Musik“ einen Ausschuss einberufen.

In einer lebhaften Diskussion mussten sich die Mitglieder des Ausschusses zunächst auf Kritierien zur Auswahl von Liedern einigen, bei denen ihnen im Hinblick auf die stringente Einschränkung der Liederzahl allerhand Kompromissbereitschaft und Verzicht abgefordert wurde: Sollten nur die ohnehin beliebtesten Lieder Unterstützung finden oder nicht viel mehr die kurz vor dem Vergessen Stehenden? Sollte man lieber eingängige Melodien und gefällige Texte mit eher flacher Theologie aufnehmen oder auch sperrige Melodien und widerständige Texte? Sollte die Betonung auf altes oder ausschließlich neueres Liedgut gelegt werden? Schließlich einigte man sich auf folgenden Kriterienkatalog: Die Lieder sollten:

  • textliche und theologische Qualität besitzen.
  • gut singbar sein, mit einprägsamer Melodie.
  • wiederholbar sein (z.B. in unterschiedlichen Altersstufen) und generalisierbar (verwendbar für unterschiedliche Zwecke, Anlässe,  Kirchenjahrszeiten).
  • Grundzüge des Kirchenjahres repräsentieren.
  • Bedeutung gewinnen können für Kindergarten, Grundschule, Gottesdienst.
  • Mehrere Anlässe abdeckend: Kindergarten-Feier / Familiengottesdienst,  Schulgottesdienst, öffentliche Trauerfeiern, Einweihungen, open-air-Veranstaltungen und Kasualien.
  • emotional ansprechend sein.
  • musikalisch wertvoll sein.
  • populär bzw. volkstümlich sein (ein „Hit“ auch für Menschen, die nicht regelmäßig im Gottesdienst sind).
  • ökumenisch verbreitet sein.

Es entstand die Liste „2+22“ („Zwei Kanons + 22 Lieder), die inzwischen  vom Landeskirchenrat und vom Landessynodalausschuss zustimmend zur Kenntnis genommen wurde.
(Liederschatz Bayern als pdf zum Download)

Diese Auswahl will aber keinesfalls den Anspruch einer perfekten und abgeschlossenen Auswahl erheben – dazu waren zu viele Kompromisse zu schließen. Noch weniger versteht sie sich als eine „kirchenamtliche“ Vorgabe, was ab jetzt in der ELKB nur noch zu singen sei!
Nein, die Auswahl „2+22“ stellt einen ersten Beitrag zur Traditionsbildung im Liedgut dar, den Liederschatz. Es ist selbstverständlich, dass die Traditionsbildung selbst dann freilich jeweils vor Ort geleistet werden muss in den Kirchengemeinden, Kindergärten, Kindergottesdiensten, Schulen und Konfirmandenunterrichten. In manchen Gemeinden wird schon heute darüber diskutiert, ob man wirklich immer wieder neue „altersgerechte“ Lieder für jede Altersstufe einüben muss, oder ob es nicht viel sinnvoller äwre, zu einem gemeinsamen Schatz von LIedern zu gelangen, der dann von Klein bis Groß, von Jung  und Alt gemeinsam gesungen werden kann. Der entstandene Liederschatz möchte hierfür einen neuen Impuls geben.

Nachdem die Landessynode entsprechende Mittel beschlossen hat, wird der Liederschatz Bayern im Themenjahr „Reformation und Musik“ wie folgt Gestalt annehmen:

  1. Liederheft:
    Ein Liederheft mit dem Liederschatz der „2+22“ Lieder soll vor allem im Bereich Kinderkirche, Kindergarten, Grundschule, Kirchengemeinde und Konfirmandenunterricht Verbreitung finden.
  2. Doppel-CD:
    In Kooperation mit dem Landesverband für Evangelische Kindergottesdienstarbeit, Kinderkirche und dem Kantor KMD Andreas Hantke erscheint eine Doppel-CD für den Bereich Kinderkirche, Kindertagesstätten und Grundschule, da in diesem Bereich noch relativ viel mit dem Medium CD gearbeitet wird. Dabei wird jedes Lied zweimal dargeboten: einmal als Kinderchorfassung und einmal nur mit Melodie zum Mitsingen.
  3. Arbeitshilfe für die Schule:
    Das Religionspädagogische Zentrum Heilsbronn erstellt eine Arbeitshilfe zu den 2+22 Liedern des Liederschatzes mit Informationen zum Lied und Erschließungshilfen sowohl zum Autor wie zum Text, jeweils zum Elementarbereich und zur Sekundarstufe.  Auch gibt es Basis-Informationen, wie ein Lied praktisch im Unterricht einzuführen ist.
  4. Web-Site
    Auf der Web-Site Liederschatz-Bayern sind alle 2+22 Lieder zu finden mit einer Möglichkeit zum Anhören, außerdem die Liedtexte, Grundinformationen zu den Liedern sowie links zu  verschiedenen Klangversionen („klassisch“, „Chor-Version“ und „song-Version“). Hiermit sollen vor allem größere Schüler und Konfirmanden angesprochen werden, bzw. Mitarbeitende in Schule, Gemeinde, Kindergottesdienst und Kindertagesstätten zum Einsatz des Liederschatzes ermutigt werden.

Alle Materialien werden zum Sonntag Kantate (06.05.2012) rechtzeitig verfügbar sein, um damit gerade im Jahr 2012 als dem Jahr der Musik auch einen Beitrag zum Singen in der Kirche zu leisten.

Eine Anmerkung zum Schluss:
Ähnliche Projekte in anderen Landeskirchen zeigen freilich, dass diese Vorschläge nur dann fruchten können, wenn sie in der Praxis umgesetzt werden, d.h. wenn sie in den Kirchengemeinden, Kindertagesstätten, Kindergottesdienst-Teams, in Schulunterricht und Konfirmandenunterricht vor Ort auch Aufnahme finden. Aber wir wissen auch, dass die Reformation ihren Erfolg nicht zuletzt einem maßgeblich auch aufs Singen gegründeten Gottesdienst- und Gemeindekonzept zu verdanken hat. Das macht Mut.

Manuel Ritter
Referent im Landeskirchenamt


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