Luthers Liebe zur Musik wirkt bis heute starkt nach

Landeskirchenmusikdirektor Michael Lochner2012 ist das „Jahr der Kirchenmusik“ – Anlass genug, Professor Michael Lochner, den Landeskirchenmusikdirektor, zum Thema zu befragen: Warum berührt uns Kirchenmusik eigentlich wie kaum eine andere Musik? Warum ist es wichtig, Luther im Kontext mit Kirchenmusik zu kennen? Und was denkt der Landeskirchenmusikdirektor über „366+1“, die gemeinsame Konzert-Aktion des Kulturbüros der EKD und der Musiker der Landeskirchen im Themenjahr?

Herr Landeskirchenmusikdirektor Lochner, 2012 ist das „Jahr der Kirchenmusik“. Welche Chance entfaltet dieses Themenjahr für die evangelische Kirche und für die Menschen?
Professor Lochner: „Es ermöglicht, wieder einmal neu und gründlicher über Kirchenmusik nachzudenken. Die Kirchenmusik ist nicht bloß eine schöne Werksammlung, wie manche meinen, sondern umfasst ein eigenständiges Handlungsfeld in der Mitte unserer Kirche. Sie hat erheblichen Anteil am kirchlichen Verkündigungsauftrag – was kein sanftes Ruhekissen ist, sondern bedeutet, dass sie sich ständig befragen lassen muss: zu dem, was sie tut, wie sie es tut und welche Ziele sie erreicht. Ihre Weiterentwicklung steht im Vordergrund.“

Das Kulturbüro der EKD und die Musiker der Landeskirchen veranstalten 2012 die Aktion „366+1“, bei der sich durch alle 366 Tage des Schaltjahres ein im Domino-Prinzip verbundenes Band von Konzerten, Gottesdiensten und Soireen in offenen Kirchen durch ganz Deutschland zieht. Wie bewerten Sie die Aktion?
Professor Lochner:
„Eine reizvolle Idee, aber riskant. Hoffen wir, dass der Faden jeden Tag hält und nicht abreißt! Ob es gelingt, den Reiseweg übers Jahr hinweg im Blickfeld der Öffentlichkeit zu behalten, bleibt abzuwarten. Für die beteiligten Kirchengemeinden dürfte es jedoch ein besonderes Ereignis sein, eine Zwischenstation zu bilden, die Chronik aus einer anderen Gemeinde zu empfangen und an eine andere Gemeinde weiterzugeben. Zudem wurden schöne Kirchenlieder ausgesucht, die es auf alle Fälle wert sind, je eine Woche lang kirchenmusikalisch bearbeitet zu werden. Dadurch könnte eine Menge neuer Stücke entstehen.“

Kirchenmusik ist eine besondere Musik in vielen verschiedenen Formen: da gibt es den Gregorianischen Choral, das Kirchenlied, das Oratorium oder die Kantate. Welche Form vermag den Menschen wie zu berühren – was meinen Sie?
Professor Lochner:
„Das ist sehr individuell zu betrachten, hängt von persönlichen Erwartungen und musikalischen Erfahrungen ab. Viele empfinden die wortgezeugte Gregorianik überaus ansprechend, auch wenn sie nicht verstehen, was hier lateinisch gesungen wird. Andere werden von deutschen Kirchenliedern tief berührt, wenn darin zur Sprache kommt, was sie persönlich betrifft. In den Oratorien werden große Geschichten der Bibel erzählt und mit der Form der Kirchenkantate ein musikalischer Predigtgottesdienst gehalten. Noch vor dem Berührtwerden stehen die Stille, das Öffnen der Ohren und eine ungeteilte Aufmerksamkeit für das, was mit der Musik auf uns zukommt. Das fällt heute so schwer!“

Einer der bedeutendsten Kirchenlieddichter war Martin Luther, dabei haben ihn viele Menschen eher als Reformator im Kopf, weniger als Kirchenlieddichter. Warum ist es wichtig, Luther auch im Zusammenhang mit Kirchenmusik zu kennen – inwieweit war/ist seine Rolle (noch immer) wichtig für Kirchenmusik
Professor Lochner:
„Luther war vielseitig hoch begabt, auch musikalisch: ein Liedermacher seiner Zeit, der nicht nur Texte verfasste, sondern auch eine Reihe von Melodien. Er konnte sogar ein wenig komponieren, fünf kleine Motetten stammen aus seiner Feder. Luthers Liebe zur Musik wirkt bis heute stark nach. Berühmt sind seine lobenden Worte über die Musik, solange diese dem Evangelium gemäß war. Anderes bezeichnete er mitunter als ,Buhllieder und fleischliche Gesänge‘. Luther erkannte, dass die Töne den Bibeltext ,lebendig‘ machen können, dass sie ihm Gestalt und Gefühl geben, ,inwendig‘ werden und lebenslang ins Gedächtnis einschließen können. Das lässt sich heute lernpsychologisch gut erklären, praktiziert wurde es damals häufiger und bewusster als heute. Wie viele Schulkinder lernen noch geistliche Lieder auswendig? Den größten Verdienst Luthers um die Musik sehe ich in der Betonung ihrer Bildungsfähigkeit. Neben der Förderung des einstimmigen Gemeindeliedes empfahl er die kunstvolle mehrstimmige Vokalmusik als Bildungsgut vor allem für die Jugend, was durch ein persönliches Vorwort zu Johann Walters Geistliches Gesangbüchlein 1524 eindeutig belegt ist. Von wegen ,niedrigschwellig‘! Luthers Musikverständnis ist bis heute beispielhaft. Wir können davon nur lernen.“

Welche Kirchenmusik berührt Sie persönlich am meisten und warum?
Professor Lochner:
„Musik, die Kunst und Glauben ganz dicht zusammenführt, tief ausleuchtet, was ich – wohl auch meiner musikalischen Erziehung geschuldet – am besten im Werk Johann Sebastian Bachs finden kann. Unterscheidungen wie Alt und Neu, Tradition und Moderne haben in diesem Zusammenhang keine Bedeutung. Der viele Oberflächenglanz heute macht mich eher misstrauisch.“

Warum ist der Beruf des Kirchenmusikers ein lohnender Beruf? Welche Einstiegsmöglichkeiten bieten sich bzw. gibt es eine Universität, die Sie zum Beispiel besonders empfehlen können?
Professor Lochner:
„Spürbar lohnend ist der Kirchenmusikberuf vor allem dann, wenn es Anerkennung und Lob durch die Gemeinde und das Publikum gibt. Eine gelingende Zusammenarbeit mit anderen Mitarbeitenden ist dafür ebenso bedeutsam wie gemeinsam errungene musikalische Erfolge mit den eigenen Chören und Musikgruppen. Da kommt viel zurück, was alle Mühen vergessen lässt. Die Kirchenmusik wird haupt-, neben- und ehrenamtlich ausgeübt. Berufsqualifizierende Abschlüsse können nur durch ein Studium erreicht werden, welches an kirchlichen und staatlichen Musikhochschulen angeboten wird. Neben einer hohen musikalisch-künstlerischen Qualität zeichnen sich die kirchlichen Hochschulen durch einen engeren Bezug zur Kirche und zur kirchenmusikalischen Praxis aus. Wer solches sucht, ist in unserer landeskirchlichen Hochschule für evangelische Kirchenmusik in Bayreuth bestens aufgehoben.“

Herr Professor Lochner, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Interview: Almut Steinecke

Zur Person: Michael Lochner, geb. 1952 in Oberfranken, Studium Klavier, Orgel und Musikpädagogik am Konservatorium Nürnberg, danach Orgel und Evangelische Kirchenmusik an der Hochschule für Musik in München. 1971-1999 Organist und Kantor in Nürnberg, Mittenwald, Bad Kissingen, München-St.Lukas, 1979 zugleich Beauftragter für Kirchenmusik in den evangelischen Touristenkirchen in Bayern. Freie Konzerttätigkeit. 1984 Kirchenmusikdirektor. 1991 Landeskirchenmusikdirektor im Teildienst für Südbayern. 2001 Lehrbeauftragter der Hochschule für Musik und Theater in München. Seit 2005 alleiniger Landeskirchenmusikdirektor der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, 2011 Honorarprofessor der Hochschule für evangelische Kirchenmusik Bayreuth.

Quelle: www.bayern-evangelisch.de


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