Nachbericht: Glaube und Kirche in der DDR

Rainer Eppelmann (DDR-Oppositioneller, Politiker, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Träger des Bundesverdinestkreuzes) als Kanzelgast in der Würzburger Dekanatskirche St. Stephan am 16. Nov. 2014

Veranstaltungsreihe im 25. Jahr des Mauerfalls der esg Würzburg

Das Projekt „Lutherdekade 2014 zu Religion und Politik im 25. Jahr des Mauerfalls: ‚Glaube und Kirche in der DDR‘ “ wurde von Mai bis November 2014 an unterschiedlichen Orten[1] in Würzburg durchgeführt und bestand aus sechs Einzelveranstaltungen mit je eigenem Gepräge[2].

Die Gesamtverantwortung für die Planung und Durchführung dieser Veranstaltungsreihe lag in den Händen der Evangelischen Studentengemeinde Würzburg (Matthäus Wassermann), dem Institut für evangelische Theologie II der Universität Würzburg (Dr. Susanne Schwarz) und dem Verein zur „Aufarbeitung der Geschichte der DDR“ e.V. (Tobias Pohl). Daneben gab es weitere Kooperationspartner und Förderer[3].

Den Anstoß zu diesem Projekt gab zum einen die Reformationsdekade, die im Jahr 2014 das Thema Kirche und Politik in den Mittelpunkt stellte. Zum anderen war es das Ereignis des Mauerfalls, das sich in diesem Jahr zum 25. Mal jährte. Bei beiden Jubiläen zeigen sich vielfältige und spannungsvolle Verknüpfungen von Politik und Kirche. Das forderte uns heraus, das Gedenken der Reformation mit dem Jubiläum des Mauerfalls zu verbinden und im Rahmen einer Veranstaltungsreihe verschiedene Fragen im Kontext dieser Jubiläen zu reflektieren und am Beispiel des Verhältnisses von Kirche und Politik in der DDR einen Ausschnitt aus der neueren Geschichte des Protestantismus zu beleuchten.

Unser übergeordnetes Ziel war es, mit verschiedenen Menschen unserer Stadt über Religion und Politik ins Gespräch zu kommen und darüber hinaus, Kirche und Politik selbst miteinander ins Gespräch zu bringen. Im Rahmen dieses Globalzieles verankerten wir unsere Teilziele, die hier in Auszügen genannt werden: So wollten wir den Besuchern unserer Veranstaltungsreihe ermöglichen, ihre Kenntnisse über das Verhältnis von Kirche und Staat in der DDR zu erweitern und zu vertiefen. Ebenso sollte die orientierende Kraft des christlichen Glaubens und der reformatorischen Lehre exemplarisch am Beispiel von Autoritätskonflikten historischer Personen dargestellt werden (Veranstaltungen 1,5,6). Im Rahmen unserer Filmvorführung (Veranstaltung 2) sollten die Kinobesucher die Filmproduktion in der DDR kennenlernen und einen Einblick in die politisch-religiösen Wirkeffekte der Filmrezeption erhalten. Durch die Lehrerfortbildung (Veranstaltung 3) sollten die Teilnehmer die Bedeutung der Evangelischen Kirche für die Friedliche Revolution von 1989 erkennen und den themenbezogenen friedensethischen Ansatz für die eigene didaktische Arbeit begründen und anwenden können. Die wissenschaftliche Tagung (Veranstaltung 4) sollte die Teilnehmer zur mehrperspektivischen Durchdringung des Themenbereichs Kirche und Glaube in der DDR befähigen. Bei der Podiumsdiskussion (Veranstaltung 6) war uns wichtig, Politik und Kirche miteinander ins Gespräch zu bringen. Dabei sollten die Besucher Gründe und Motive für politisches/kirchliches Engagement der Diskutanten erkennen und nachvollziehen können. Ferner sollten sie wahrnehmen, dass Menschen in jeweils unterschiedlich geprägte und unterschiedlich wirksame Erinnerungskulturen eingebunden sind.

D i e   V e r a n s t a l t u n g s r e i h e   –   e i n e   S k i z z e:

23. Mai 2014: Zeitzeugenbericht und Gespräch mit Pfr. Uwe Holmer  – „Der Mann, bei dem Honecker wohnte“ (Pfr. Holmer nahm das vor der Lynchjustiz flüchtende Ehepaar Honecker in sein Pfarrhaus auf). Veranstaltungsort: Dekanatskirche St. Stephan, Würzburg. Wenige Tage vor der Veranstaltung musste der Referent aus gesundheitlichen Gründen seine Teilnahme absagen. Dankenswerterweise war sein Sohn, Reinhard Holmer, bereit einzuspringen und berichtete, wie er die Aufnahme Honeckers und dessen Ehefrau in das Pfarrhaus seines Vaters erlebte. In diesem Zusammenhang thematisierte er das schwierige Verhältnis von Kirche und Staat in der DDR und gab Einblick in persönliche Autoritätskonflikte mit dem DDR-Regime. Beim Gespräch nach dem Vortrag mit den rund 100 Teilnehmern nahm das Thema „Vergebung“ einen breiten Raum ein.

10. Juli 2014: Filmvorführung, Kino Central, Würzburg: „Einer trage des anderen Last“ mit thematischer Einführung von Daniel Küchenmeister und Publikumsgespräch nach dem Film. 40 Personen aller Altersgruppen besuchten die Filmvorführung und zeigten auch am Nachgespräch großes Interesse. Neben persönlichen Bezugnahmen einiger Besucher auf eigene biographische Berührungen mit der ehemaligen DDR wurden im Nachgespräch vor allem die Filminhalte besprochen. Ferner drehte sich das Gespräch um die Motive zur Produktion des gesehenen Films (wie auch anderer DEFA-Filme) und die dessen Wirkungsgeschichte.

17. Oktober 2014: Fortbildung für Religionslehrer und Seminar für Studierende, Universität Würzburg. Johannes Träger und Dr. Ulrike Witten machten den von der kirchl. Friedensbewegung neugeprägten Leitsatz „Schwerter zu Pflugscharen“ fruchtbar für friedensethische Ansätze im Untericht. Ferner wurden die didaktischen Herausforderungen zum Einsatz von Zeitzeugen im Unterricht bearbeitet. Abgeschlossen wurde die Fortbildung durch Lesung und Gespräch mit der Zeitzeugin Urte von Maltzahn-Lietz (Zeitzeugin der 3. Generation Ost).

30. Oktober 2014: Interdisziplinäre Tagung zur Bearbeitung von Grundsatzfragen im Kontext von Religion und DDR-Atheismus. Ort: Universität Würzburg. Die Tagung befasste sich mit der Frage nach dem Verhältnis von Religion und Staat am Beispiel der DDR. Im ersten Vortrag ging Dr. Bauer der Frage nach, wie man in einem Unrechtsstaat Theologie treiben könne. Dabei richtete er sein Augenmerk auf die evang. Theologie und machte deutlich, dass diese Schwierigkeiten hatte, das Verhältnis zur DDR-Diktatur zu bestimmen. In einem zweiten Vortrag beleuchtete Dr. Müller die kath. Kirche in der DDR und zeigte, wie diese sich vom Staat abgrenzte, in Folge dessen jedoch nur noch ein Randdasein in der DDR führte. Daran anschließend machte Hr. Pohl deutlich, mit welchen Mitteln totalitär geprägte Diktaturen sich des Religiösen bemächtigen, um das Volk quasireligiös in ein innerweltlich gedachtes Heil zu führen. Im letzten Vortrag stellte Herr Prof. Dr. Söllner die Geschichte des Konzepts des Totalitarismus vor und zeigte auf, dass die DDR durchaus totalitäre Züge hatte. Die abschließende Podiumsdebatte führte die vier unterschiedlichen Perspektive zusammen: So zeigte sich, dass Religion und Staat nicht so einfach zu trennen sind, dass man genau hinsehen muss, um zu erkennen, wo der Staat religiöse Elemente gebraucht und wo er sie missbraucht.

16. November 2014: Gottesdienst mit Kanzelgast Rainer Eppelmann, Dekanatskirche St. Stephan, Würzburg. In seiner Predigt sprach Rainer Eppelmann sehr persönlich darüber, dass die biblische Botschaft und Theologen wie z.B. Dietrich Bonhoeffer ihm einerseits geistige Orientierung zu geben vermögen und anderseits Kraft und Motivation sich politisch zu engagieren. In Demokratie und Freiheit zu leben, könne man gar nicht hoch genug einschätzen. Dafür lohne es sich einzusetzen, auch wenn dies Repressionen und persönliche Nachteilen mit sich bringe.

16. November 2014: Podiumsdiskussion mit der Frage nach der Relevanz der Erinnerung an die Friedliche Revolution von 1989[4]; Rudolf-Alexander-Schröderhaus, Würzburg. Das Podium beschäftigte sich eindrücklich mit der Frage nach der Bedeutung der friedlichen Revolution für die heutige Zeit. So wurde herausgestellt, dass man nicht vergessen dürfe, welche Leistung diejenigen gebracht hätten, die 1989 auf die Straße gegangen seien und Demokratie gefordert hätten. Beide Zeitzeugen, Frau Lengsfeld u. Herr Eppelmann, gaben einen Einblick in ihre damalige Gedanken- und Gefühlswelt. Gerade mit Blick auf das politische Engagement eines Christen hatten beide darauf hingewiesen, dass es nicht einfach sei, sich politisch zu engagieren, dass man aber im Laufe der Zeit an einen Punkt gelange, an dem man nicht mehr anders könne als sich politisch einzubringen. Daran anschließend gaben die anderen Podiumsgäste zu bedenken, dass es auch heute notwendig sei, sich als Christ politisch zu engagieren.

Schlussgedanken. Das Projekt hat viel Arbeit gemacht. Ja, aber das war es wert. Warum? Wir haben mit vielen Menschen an unterschiedlichen Orten in Würzburg über Glauben und Politik gesprochen[5]. Wir haben über den Wert von Freiheit und Demokratie nachgedacht und das Ende des Unrechtsstaates bedacht. Wir haben über die Freiheit gesprochen, die das Evangelium schenkt und über Gottes Möglichkeiten, die selbst da noch weitergehen, wo wir am Ende sind.

Was hat zum Gelingen beigetragen? Eine gute Auswahl an Themen, ansprechende Veranstaltungen an unterschiedlichen Orten und ein vielfältiges Setting der einzelnen Veranstaltungen, gute und engagierte Referenten/Zeitzeugen, vielfältige Diskussions- und Gesprächsmöglichkeiten und damit Einbeziehung der Teilnehmer, die ihre Perspektiven und Erfahrungen sehr differenziert eingebracht haben; durch derartige Impulse erfuhren unsere Veranstaltungen immer wieder eine Vertiefung und Weiterführung.

Was hätte man besser machen? Wir haben zwar an vieles gedacht, was zum Gelingen unserer Veranstaltungsreihe beigetragen hat. Dabei haben wir der Nachberichterstattung leider zu wenig Beachtung geschenkt. Das würden wir beim nächsten Mal verbessern.

Aufgrund der guten Erfahrungen und positiven Rückmeldungen zu unserem Projekt erarbeiten wir derzeit eine Veranstaltungsreihe („25 Jahre Wiedervereinigung“). Besonders erfreulich ist für uns, dass die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin für die neue Veranstaltungsreihe bereits eine Unterstützung in Höhe von 4.000 € zugesagt hat. Das betrachten wir als Anerkennung für unser Engagement im Jahr 2014 und als Ansporn für die diesjährige Veranstaltungsreihe.

Abschließend bedanken wir uns bei allen Unterstützern und Förderern unseres Projektes – insbesondere bei der ELKB, Abteilung Lutherdekade 2017 – Reformationsjubiläum.

Matthäus Wassermann (für das Team)



[1] Kirche, Kino, Universität, Erwachsenenbildungseinrichtung.

[2] Zeitzeugenbericht,  Filmvorführung, Fortbildung für Lehrkräfte, wissenschaftliche Tagung, Gottesdienst mit Kanzelgast und Podiumsdiskussion.

[3] Evang.-Luth- Kirche in Bayern (im Rahmen der Reformationsdekade), Central Kino, Würzburg; Zentrum für Lehrerbildung, Universität Würzburg, Würzburg; Rudolf-Alexander-Schröderhaus, Würzburg; Sparkasse Mainfranken, Würzburg; Lokaler Aktionsplan (LAP) Würzburg; Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung, Universität Würzburg; Bistum Würzburg; Stiftung Gedenkstätte, Berlin-Hohenschönhausen.

[4] Podiumsgäste: Rainer Eppelmann (Pfarrer i.R., DDR-Oppositioneller, Politiker, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Träger des Bundesverdienstkreuzes); Muchtar Al Ghusain (Stadtrat und Kulturreferent, Würzburg); Vera Lengsfeld (DDR-Opposition, Mitglied des Bundestages von 1990 bis 2005, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes); Dr. Jürgen Vorndran (Dekan und Domkapitular, Würzburg); Dr. Edda Weise (Dekanin, Würzburg). Moderation: Prof. Dr. Horst F. Rupp, Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik, Universität Würzburg.

[5] Unsere Veranstaltungen waren sehr gut besucht, insgesamt haben wir mit der Reihe knapp 400 Personen erreicht.


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