r e f o r m a t i o n 2 1 – Thesenanschlag

Von den Fragen des 16. zu denen des 21. Jahrhunderts

Evangelische Stadtakademie München I Dienstag, 24.05.2011

Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Graf

These 1:
Die wichtigste Aufgabe zur Reform der Kirchen ist es, das Gemeindepfarramt zu stärken und es, auch finanziell, wieder zu einem für Männer wie für Frauen attraktiven akademischen Beruf zu machen.

These 2:
Geboten ist es, den ökumenischen Diskurs auf eine völlig neue Grundlage zu stellen. Es macht keinen Sinn, mit konfessorischen Texten des 16. Jahrhunderts und überholten dogmatischen Formeln lebenspraktisch relevante Verständigung erreichen zu wollen. Das entscheidende Thema muss sein, wie sich die Kirchen zum Prozess der Moderne – also zu Aufklärung, Religionsfreiheit, Menschenrechten, legitimem ethischem Pluralismus und Vielfalt der je individuellen Lebensstile – stellen.

These 3:
Das größte Zukunftsproblem der Kirchen in Deutschland ist ihre mangelnde Attraktivität gerade für Jüngere. Hier gibt es keine schnellen Lösungen und überzeugenden Strategien. Aber dies Problem muss als das zentrale identifiziert werden.

Prof. Dr. Gunther Wenz

These 1:
Religion als Verhältnis zu einem fundierenden Grund von Selbst und Welt gehört unveräußerlich zum Menschsein des Menschen. Sie in Praxis und Theorie identifizierbar auszuüben ist aufklärungsförderlich, weil dadurch ideologische Religionssurrogate, wie sie weite Teile des 20. Jahrhunderts beherrschten, in Schranken gewiesen und um ihre Wirkung gebracht werden. Die humane Übung der Religion setzt die Anerkennung der Prinzipien der Religions- und Gewissensfreiheit sowie der Nichtidentifikation von Staat und Kirche voraus. Die Durchsetzung dieser Grundsätze ist zwar keine direkte, wohl aber eine indirekte Folge der Reformation. Für ihre weltweite Gewährleistung offensiv einzutreten ist eine wesentliche reformatorische Aufgabe nicht zuletzt in den Religionsdialogen des 21. Jahrhunderts.

These 2:
Unter der Voraussetzung der Anerkennung der Prinzipien der Religions- und Gewissensfreiheit sowie der Nichtidentifikation von Staat und Kirche ist Luthers Devise zu befolgen: Lasst die Geister aufeinanderplatzen! Eine zivile Streitkultur der Religionen zu pflegen, welche sich nicht mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zufrieden gibt, sondern mit friedlichen Mitteln und in verständigungsorientierter Argumentation um die Wahrheit und ihre Gewissheit ringt, ist ein reformatorisches Gebot, an dem sich der Religionsdialog im Allgemeinen und der Dialog innerhalb der christlichen Ökumene im Besonderen zu orientieren hat. Die Besinnung auf das Gemeinchristliche hat dabei nicht an den konfessionellen Traditionen vorbei, sondern durch Vertiefung in diese zu erfolgen. Kirchliche Profilbildung und ökumenische Offenheit schließen einander nicht aus, sondern erfordern sich gegenseitig.

These 3:
Reformatorische Kirchen müssen als solche wahrnehmbar sein. Dies sind sie stets dann, wenn sie die ursprüngliche Einsicht der Reformation lebendig erhalten. Diese ursprüngliche Einsicht ist durch das Evangelium Jesu Christi von der Rechtfertigung des Sünders erschlossen und lässt sich in dem Wörtchen „gratis“ bündig zusammenfassen. Im auferstandenen Gekreuzigten hat Gott ein vorbehaltloses und ewig gültiges Ja gesprochen – trotz aller Übel und Bosheiten, die unsere Welt und uns selbst bestimmen. Dieses göttliche Ja evangelisch zu bezeugen, ist die wesentliche Mission der Kirche zu allen Zeiten und damit auch im 21. Jahrhundert. Ihre Glaubwürdigkeit gründet nicht in erster Linie in derjenigen ihrer Glieder, sondern in der Überzeugungskraft der Botschaft, die sie zu
verkündigen hat: Jeder ist ein bedingungslos anerkanntes und unbedingt geliebtes Gotteskind, das als Ebenbild Gottes dazu bestimmt ist, Mensch zu sein unter Menschen in einer gemeinsam gegebenen kreatürlichen Welt.

Prof. Dr. Michael von Brück

Die Erneuerung der Kirchen in Mitteleuropa setzt einen Mentalitätswandel voraus, der sich auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen bezieht, für die institutionellen Kirchen aber besonders auf drei Aspekte fokussiert ist:

These 1:
Die Kirchen müssen den philosophisch-theologischen wie praktisch-rituellen Pluralismus nicht nur anerkennen, sondern theologisch so reflektieren, dass er ein wesentlicher Aspekt der Interpretation des Christentums angesichts der tatsächlichen Pluriformität aller Erscheinungen ist. Jede Form von „Absolutheit“ ist ideologieverdächtig und muss theologisch kritisch hinterfragt werden. Daraus folgt eine prinzipielle Anerkennung der Authentizität anderer Religionen sowie agnostischer Lebenshaltungen.

These2:
Die „mystische Erfahrung“ ist eine wesentliche Wurzel von Religion. Die kirchlichen Institutionen müssen Kompetenz hinsichtlich der methodisch genauen Anleitung zu derartigen Erfahrungen sowie zur sprachlich konsistenten Reflexion derselben als zentrale Aufgabe ihrer Eigenheit begreifen. Das schließt eine Veränderung der kirchlichen Sprache und des durch sie transportierten Menschenbildes ein. Zentral ist dabei die Relativierung des Sprachspiels von Sünde-Erlösung.

These 3:
Innerhalb der kirchlichen Institutionen müssen Alternativen zu den auf quantitativem Konsum, Gier und Prestige gründenden gesellschaftlichen Strukturen erprobt werden. Dabei steht die Qualität der Sozialbeziehungen in der kirchlichen Arbeitswelt im Vordergrund. Dies muss ein wesentlicher Aspekt des innerkirchlichen Diskurses werden.


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