stattbahnhof

Toleranz der Woche

Nr. 03: Sein oder Nicht-Sein Gottes

Ein Atheist und ein Theologe im Streitgespärch

Wenn Kirche von Toleranz redet, dann muss sie sich ganz offensiv den Gesprächen der Menschen in der Gesellschaft stellen und sollte da offen ein Gespräch anbieten einer pointierten protestantisch kirchlichen Position und ihrer Kritiker. Nicht nur in Talkshows oder in der Kirche oder kirchlichen Medien sondern an einem Ort, an dem kirchenferne Menschen ihr zu Hause haben.

Daher sind wir mit dem Gespräch in den „Stattbahnhof“ gegangen, ein Zentrum eher Autonomer Gruppen, also Menschen, die Kirche sehr, sehr kritisch sehen. Und einem Publikum, das in dieser Altersgruppe eher wenig bis gar nichts mit Kirche zu tun hat. Und wir wollten Toleranz dadurch zeigen, dass wir keine Scheu haben aus der Kirche, aus den Bildungswerken, aus den Religionsklassen da hin zu gehen, wo die schärfsten Kritiker sind. Und wir wollten ein Podium anbieten, das kirchennahen Menschen Lust darauf macht, sich an einen Ort zu begeben, an dem sie sonst nicht Stammgäste sind oder noch nie waren.

Das Konzept ist erfreulicherweise aufgegangen. Es kamen erwachsene Atheisten und Christen sogar aus anderen Landkreisen, der Verein des Stattbahnhofs, der eine solche Veranstaltung zuerst ablehnte, weil er laut Satzung „weltanschaulich neutral ist“ hat die Türen geöffnet, Jugendliche und junge Erwachsene, die zum Teil Kirchenvertretern noch nie begegnet sind, und sogar eine Muslima sind zu dem Streitgespräch gekommen. Das Risiko bestand darin, niemand wusste, wer am Ende besser argumentiert oder wer überzeugender wirkt. Es gab Menschen, die fühlten sich danach stärker zum Atheismus hingezogen als vorher und andere, denen es andersherum erging.

Die Tatsache, dass der Atheist Doktor der Theologie war und erst im Laufe seines Lebens Atheist wurde, machte das Gespräch reizvoll und sowohl die Podiumsteilnehmer als auch die Gäste dieses Abends haben da gespürt, dass hier evangelische Kirche sich der Lebenswirklichkeit der Menschen bewusst stellt. Die Reaktionen waren nur positiv, auch wenn nicht alle Fragen beantwortet werden konnten. Dass die Moderation ein Redaktionsmitglied der Zeitungsgruppe Mainpost übernahm, war ein großer Glücksgriff, denn dadurch war diese Veranstaltung weit publiziert worden.


Anmerkung des Moderators:

„Ich fand Konstellation und Aufgabenstellung hochspannend – schließlich kann man ja eigentlich nicht über den Glauben diskutieren. Zumindest nicht in dem Sinne, dass am Schluss einer Recht hat und der andere nicht. Der Christ glaubt eben, der Atheist nicht. Aber der Christ kennt auch Zweifel, und oft muss er um seinen Glauben ringen. Der Atheist wiederum kennt auch das Bedürfnis nach Trost und Hoffnung, er muss eben andere – diesseitige – Wege finden, um es zu befriedigen.
Erfreulicherweise haben sich die beiden Podiumsgäste nicht mit Gottes-(Gegen-)Beweisen aufgehalten. Dass das Gespräch – aus meiner Sicht – funktionierte, lag daran, dass es sich keiner der beiden Diskutanten leicht macht – weder im Leben noch in der Lehre. Joachim Kahl, der Atheist, unterwirft sich strenger intellektueller, rationaler Disziplin – das wirkte auf mich fast ein wenig mönchisch. Axel Noack, der emeritierte Bischof mit  Missionsaufgaben, wirkte dagegen gar nicht wie ein Missionar, sondern wie ein offener Mensch, der vor allem für sich selbst Antworten sucht.
Es waren zwei sehr kurzweilige Stunden – für mich und für das hochkonzentrierte Publikum auch, so mein Eindruck.“
Mathias Wiedemann, Redakteur