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Toleranz der Woche

Nr. 15: Strassenkreuzer-Uni

Bildung für alle – durch ein bundesweit einmaliges Projekt des Straßenkreuzer e.V. aus Nürnberg

Brauchen Wohnungslose eigentlich Bildung? Für viele Menschen beantwortet sich die Frage von selbst. Für uns auch. Denn in Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es: „Jeder hat das Recht auf Bildung“.

Und so hat der Straßenkreuzer e.V. die Straßenkreuzer Uni ins Leben gerufen: Bei diesem bundesweit ersten Projekt kommen Professoren und andere Experten vorzugsweise in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe und halten dort Vorträge – auf wissenschaftlichem Niveau und angepasst an die speziellen Bedürfnisse der Hörerschaft.

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Kontakt:
Straßenkreuzer e.V.
Wilhelm-Spaeth-Straße 65
90461 Nürnberg
Tel: 0911 / 217 593-10; Mail
http://www.strassenkreuzer.info/strassenkreuzer-uni.html


Und so funktioniert’s:

Das Uni-Team des Straßenkreuzers plant in Absprache mit den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe die Themen des jeweiligen Semesters. Wir bieten in jedem Semester drei thematische Blöcke an, mit jeweils drei Veranstaltungen. Idealerweise handelt es sich dabei um zwei Vorträge und eine Lehrfahrt. Dazu kommen Arbeitsgruppen – etwa Foto- und Filmgruppen, Gehirnjogging oder Selbstverteidigung – und ein besonderes „Spezial“, z.B. ein Ausflug in den Tiergarten, eine DNA-Analyse an der Uni Erlangen oder den Botanischen Garten erkunden. Dann fragen wir geeignete Referenten an und sprechen mit ihnen Titel und Inhalt des Vortrages ab, legen Termine fest und erstellen ein Programmheft. Es kann losgehen!

Die Besonderheiten:

Angesichts der kurzen Aufmerksamkeitsspanne der Hörer dauern die Veranstaltungen der Straßenkreuzer Uni verlässlich eine Stunde, wovon höchstens 30 Minuten Vortrag sein sollen. Wir wünschen uns, dass die übrige Zeit für Fragen und Diskussion zur Verfügung steht. Noch besser ist es, wenn der Referent die gesamte Stunde im Dialog führt. Weil die Vorbildung der Hörer sehr unterschiedlich ist, sollen die Referenten ihr Thema zwar auf wissenschaftlichem Niveau angehen, aber dafür ein einleuchtendes Beispiel wählen und es prägnant und in verständlichen Worten erklären. Eine echte Herausforderung!
Zudem sind Gäste von außen herzlich willkommen. Denn ein zweites Ziel der Straßenkreuzer Uni ist, die Begegnung unterschiedlicher Menschen und ihren Austausch zu fördern. Die externen Hörer kommen im Rahmen der Uni vielleicht zum ersten Mal in eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe und können ihre Vorurteile überwinden. Der Besuch der Straßenkreuzer Uni ist prinzipiell kostenlos.

Die Themen:

Im Sommersemester 2013 haben wir die erfolgreiche und bei vielen Hörerinnen und Hörern sehr beliebte Reihe „Recht und Gesetz“ mit dem Thema „Recht auf Unterstützung“ fortgesetzt (z.B. „Diagnose: unbezahlbar“ – das Gesundheitssystem) außerdem bot das Programm die Themen „Blau“ (z.B. „Nüchtern gesehen“ – ein Suchtmediziner zum Thema Alkohol) und „Zukunft“ (z.B. „Arbeit für morgen“ – Faktoren unserer Berufswelt). Zusätzlich gab es die Arbeitsgruppe „Selbstbehauptung“ mit theoretischen und praktischen Anleitungen für gute Strategien zur Konfliktlösung.Höhepunkt des Semesters war sicherlich der Abschluss der Arbeitsgruppe „Vorhang auf!“ mit zwei umjubelten Aufführungen ihres Stückes „Querungen“. Nach fünf Semestern Körper- und Persönlichkeitsarbeit unter Regie von Michaela Domes entstand eine zutiefst berührende, zugleich gänzlich mitleidsfreie Collage im Kulturforum Fürth.

Die Hörer

In den Städten Nürnberg, Fürth und Erlangen leben 720.000 Menschen. Rund 2000 von ihnen gelten als obdachlos. Die meisten leben in Wohnungen, die ihnen die Städte zuweisen, ein kleinerer Teil in Pensionen und betreut in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Etwa 30 bis 50 Personen, so die Schätzung, leben tatsächlich draußen, ohne festes Dach über dem Kopf. Viele weitere Tausende Bürgerinnen und Bürger leben unter ärmlichen Verhältnissen, sind langzeitarbeitslos, einsam, entmutigt, fühlen sich abgehängt oder aufgrund ihrer Biografie fremd. Sie alle sind in erster Linie eingeladen, die Straßenkreuzer Uni zu besuchen.
Die Vorbildung unserer Hörer ist ganz unterschiedlich: Es sind Menschen darunter, die nie einen Schulabschluss gemacht haben, und andere, die studiert haben und fest im Berufsleben standen, bis sie durch Schicksalsschläge und Sucht aus der Bahn getragen wurden. Zudem interessieren sich inzwischen „ganz normale“ Bürger und Bürgerinnen – Teenager wie Rentner, Akademiker wie Verkäuferinnen – für die Uni und ihren schwerelosen Zugang zu „schwerer“ Bildung. Die Offenheit ist bewusst gewollt. Denn so finden Begegnungen statt, die es sonst nur schwer gibt – im Fokus steht nicht die materielle und biografische Ausstattung, verbindend ist vielmehr das Interesse an einem Thema.

Die Erfahrungen

Die Erfahrungen mit der Straßenkreuzer Uni, die Ende April 2010 gestartet ist, übertreffen unsere Erwartungen bei weitem. Angefangen bei der Zahl: Insgesamt wurden bis zum Ende des 7. Semesters bereits 2757 Hörerinnen und Hörer gezählt. Allein 1279 Frauen und Männer kamen aus Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Wichtiger als Quantität ist die Qualität. Die Hörer verfolgen die Vorträge mit großer Konzentration, sie stellen klare, gute Fragen, die manchmal sogar die Professoren verblüffen, und sie kommen gern und regelmäßig wieder. Dabei hatten uns etliche Sozialpädagogen gewarnt: Die Menschen, von denen viele gebrochene Bildungsbiografien und die meisten jede Menge eigene Probleme haben, würden sich nur schwer bis gar nicht motivieren lassen.

Die Freude an Bildung

Doch das scheint für die Straßenkreuzer Uni nicht zu gelten. Vielleicht liegt es am Konzept: Bildung soll vor allem Spaß machen. Die Straßenkreuzer Uni bietet – wie wir hoffen – interessante Themen und unterhaltsame Vermittlung an, sie ermutigt mitzumachen, aber sie fordert keinen Befähigungsnachweis – nur Konzentration und die Freude an Wissen und Teilhabe. Wer die Veranstaltungen eine Reihe „durchhält“, wird am Ende bei unserer Semester-Abschlussfeier in feierlichem Rahmen mit einer Urkunde geehrt. Im Sommersemester 2013 konnten 47 Urkunden überreicht werden. Das Jobcenter Nürnberg-Stadt unterstützt diese Auszeichnung mit einem Begleitschreiben. Darin wird die Straßenkreuzer Uni als „wichtiger Baustein zur beruflichen Integration“ gewürdigt. Allen Hörerinnen und Hörern wird empfohlen, ihre Urkunden möglichen Bewerbungen beizulegen.

Die Sicht der Studierenden

Das erste Semester der Straßenkreuzer Uni ist von der Universität Erlangen evaluiert worden, auch in den folgenden Semestern haben wir Fragebogen ausgeteilt und die jeweilige Veranstaltung anonym bewerten lassen. Die Reaktionen sind überwiegend positiv. Unter dem Stichpunkt „gut gefallen hat mir“ heißt es beispielsweise: Die „lockere Art“, „der Prof war top“ sowie „der Einsatz von Bildern, Musik, Humor“. Gelobt wurden auch „Freundlichkeit, gute Ausstrahlung, sehr deutlich“ oder „die allgemeine Verständlichkeit“. Wir fragen natürlich auch danach, was nicht gefallen hat: Zum Beispiel der „etwas zu zügige Vortrag“ und die „Überschneidung von Information und Fragen“ oder dass es „zu spezifisch“ war – und, was wir häufig lesen, „zu kurz“.

Die Reaktionen

Die Resonanz ist groß. Die Tageszeitungen in Nürnberg haben teils mehrfach berichtet, Schlagzeilen lauteten etwa „Sozialexperiment: Professor trifft Obdachlose“ oder „Auch die Obdachlosen haben ein Recht auf Bildung“ und „Für alle: Mehr Spaß an Bildung“. Das Fernsehen hat berichtet, auch der Hörfunk – öffentlich-rechtliche Sender ebenso wie private Stationen – war mit dabei. Große öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen unsere prominenten Gäste. Professor Wolfgang Gerke etwa, der Börsenexperte mit der Fliege, oder Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und auch Landesbischof Prof. Heinrich Bedford-Strohm.
Die Bekanntheit der Straßenkreuzer Uni wächst, die Einstellung zu ihr ist eindeutig positiv. „Ich habe gar nicht gewusst, dass mir Lernen soviel Freude macht“, sagt Hörerin Astrid Schierl, die inzwischen eine Arbeitsstelle gefunden hat (und jeder Bewerbung ihre Uni-Urkunden beilegte). Und Hörer Hans-Jörg Ponath, der als Jugendlicher alkoholkrank war und einige Zeit bei der Heilsarmee lebte, hat zum Ende eines Semesters in einer Ansprache als „Hörervertreter“ formuliert: „Für mich war dieses Semester mein persönliches Glückssemester: Nachdem ich in den letzten Jahren mein Leben stark verändert habe, spürte ich doch immer wieder Lust, etwas mit Theater zu machen. Ich tat es aber nie. Die Hemmschwelle war einfach zu hoch. Wie würde man auf mich reagieren? Wohnungslos, arbeitslos, trockener Alkoholiker. Ich hatte einfach Angst. Ganz zu schweigen davon, dass zum Beispiel ein Theaterworkshop relativ teuer ist und für mich unbezahlbar. Und dann bietet die Straßenkreuzer Uni genau das, was ich schon jahrelang machen wollte. Das war ein echtes Glücksgefühl. Ich habe mich direkt angemeldet. Ohne Hemmschwelle, ohne Angst. Denn bei der Straßenkreuzer Uni ist es völlig egal, wo du herkommst, was du machst oder gemacht hast, oder ob du Geld hast… Wichtig ist nur, dass du offen bist und etwas lernen willst. Ich möchte allen Menschen Dank sagen, die das möglich machen.“

Auch bei den Referenten löst die nicht alltägliche Aufgabe oft eine Aktivierung aus und initiiert einen Einstellungswandel. „Ich verbeuge mich vor diesen „Studenten“ und wünsche mir, dass die Straßenkreuzer Uni ihnen Motivation genug gibt, noch einmal den großen Sprung zu schaffen“, lobt Manfred Hofmann, Fachberater für Neue Medien bei Siemens. „Gefreut hat mich, dass so reichlich Fragen kamen. Das zeigt mir, dass die Zuhörer mitdenken und sich auch trauen, Fragen zu stellen, und Interesse am Thema hatten“, schreibt Berthold Renner, Mitarbeiter am Institut für Pharmakologie der Universität Erlangen-Nürnberg. Der evangelische Landesbischof Prof. Heinrich Bedford-Strohm war tief berührt von der kritischen Religiosität und den kenntnisreichen Fragen der Hörer.

Förderung und Finanzen

Die Straßenkreuzer Uni ist nur möglich, weil wir überall auf offene Türen gestoßen sind und offene Ohren und Herzen gefunden haben. Zum einen bei den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, die uns beratend zur Seite stehen und ihre Räume zur Verfügung stellen. Dazu zählen in Nürnberg Die Heilsarmee Sozialwerk, die Stadtmission, die Notschlafstelle Domus Misericordiae der Caritas und das Haus Großweidenmühle als städtische Einrichtung; in Fürth gehört der Treffpunkt Wärmestube dazu und in Erlangen die Tagesstätte der Obdachlosenhilfe. Am wichtigsten sind die Sozialpädagogen, die ihre Klienten ermuntern und begleiten.

Zum anderen unterstützen uns die Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeiter und andere Experten, indem sie ihr Wissen und ihre Zeit unentgeltlich zur Verfügung stellen. Wir kooperieren mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, der Georg-Simon-Ohm Hochschule und andere Bildungseinrichtungen. Zu den Unterstützern zählen auch das Klinikum Nürnberg, der Botanische Garten in Erlangen, die Fürther Stadtförsterei oder das Menschenrechtszentrum in Nürnberg. Viele weitere haben sich nach den ersten Presseberichten gemeldet und sich selbst für eines der nächsten Semester angeboten.

Die Straßenkreuzer Uni funktioniert nur, weil sie Förderer hat: Den Start und die beiden ersten Semester haben das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen und die Auerbach Stiftung finanziell getragen und ermöglicht. Um das ungewöhnliche und innovative Bildungsprojekt weiterzuführen, ist die Straßenkreuzer Uni auf Spenden und andere Zuwendungen angewiesen. Wir akquirieren derzeit bei Stiftungen, Service-Clubs und Unternehmen und erkunden die Möglichkeiten öffentlicher Förderung.